Leseprobe aus dem Vortrag

Forschendes Üben – Leseprobe aus dem Vortrag

Forschen im eigentlichen Sinne beginnt mit dem Wissen des Nichtwissens, mitten im Bekannten und Gewohnten entdeckt der Forschende das noch Unbekannte. Er wundert sich, er fragt, was ist das, das Werk? Wo ist es? In den Zeichen? Aber wie sind diese aufeinander zu beziehen? Zu welchen Strukturen, Gestalten, Charakteren und Gesten fügen sie sich? Wir erkennen: der Zusammenhang ist noch offen, er ist von den Noten und Spielanweisungen „nicht gegeben, sondern aufgegeben“, wir müssen ihn erst herauslesen. Dunkel bleibt uns oft in den bekanntesten Stücken der Sinnbezug der Einzelereignisse. Dieses Nichtdingliche, die Verborgenheit der Werke hat erst Adorno uns ganz bewusst gemacht und radikal ist es von Bloch formuliert: „Keiner aber hat, was Mozart, Beethoven, Bach so, wie sie wirklich rufen, nennen, lehren, schon gehört.“

Dunkel bleiben aber auch wir selbst uns beim Spiel, Sind wir es, die hören, oder ist es eher eine programmierte Hörerwartung, die hört? Entspricht unsere Spielhaltung und -bewegung, dem, wie die Musik uns im Innern erregt und bewegt? Aber wir nehmen kaum wahr, wie eine Musik uns verwandeln will, wie nicht zuletzt unser Körper auf sie antwortet. Das Reich des psychosomatischen Reagierens, die Fähigkeit der Empathie ist uns weithin unbewusst. Wir vergessen, wie es ist, einem Gegenstand ähnlich zu werden, wir sind ungeübt in jener „zarten Empirie“ , die, wie eine Goethesche Maxime sagt „sich ihrem Gegenstand aufs Innigste identisch macht“. Das Potenzial dieses mimetischen Vermögens liegt weithin brach, verschüttet ist damit aber auch ein Quellgrund der künstlerischen Phantasie.

So stellen sich dem Üben zwei Aufgabenfelder, die oft unterbelichtet sind. Analyse des Sinnzusammenhanges eines Werkes auf der einen Seite und Wahrnehmung des subjektiven mimetischen Reagierens auf der anderen. Keines ist ohne das andere. Nur hörend auf das eigene Hören und Reagieren erkenne ich die Struktur der Werke und ihren Charakter, nur durch immer genaueres Lesen des Textes präzisiere ich meine intuitive, spontane Empfindung, Ebenso finde ich nur durch die Wahrnehmung meiner eigenen organischen und mimetischen Bewegungsintelligenz die Spielbewegung, die den gehörten Klang hervorbringt. Künstlerisch entdecken wir das Objekt nur durch das Subjekt hindurch, anders als in den Naturwissenschaften, die das Subjekt so weit wie irgend möglich aus dem Beobachtungsfeld des Objektes herauszuhalten suchen. Forschendes Üben ist ein ganz und gar individuelles, letztlich ein einsames Experiment. Dass durch die doppelte Belichtung Werkerforschung auf der einen und Selbsterforschung auf der anderen Seite sich auch die oft dunklen, verwirrten Pfade des Übens etwas lichten, das ist die Hoffnung, die uns hier leitet. Was weiter hilft sind Fragen, Fragen an das Werk und Fragen, an die mimetische Intelligenz unseres Körpers, sie sind unsere beiden Lehrer auf dem Weg des Übens.

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